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Sie


Sie spürte den weichen Stoff ihres Wollmantels auf ihrer Haut, als sie durch die dunklen Straßen ging. Der nächtliche Nebel umhüllte ihren Körper wie ein Schleier und sie achtete auf das leise Tapsen ihrer nackten Füße auf dem Gehweg. Sie bog links von der Sternschanze in eine schmale Gasse ab. Außer ihres unruhigen Atems und ihrer Schritte, vernahm sie nur das Geräusch weit entfernter Automotoren und Gelächter, das mit Musik unterlegt aus der Kneipe schallte, in der sie sich bis vor kurzem auch noch befand - bevor es geschah...

Die Geräusche versickerten immer mehr in der Nacht, mit jedem Schritt, den sie tat, hörte sie ihren Atem lauter und die schrecklichen Bilder gingen ihr immer wieder durch den Kopf. Sie hatte alles noch so deutlich vor Augen. Sie schüttelte ihr langes, braunes Haar als ob sie damit auch das eben Geschehen von sich abschütteln könnte, und tastete dann ihre Manteltasche ab. Sie zog eine Schachtel Zigaretten und ein Feuerzeug heraus. Sie nahm eine Zigarette, steckte sie zwischen ihre zittrigen Lippen und starrte in die Flamme des Feuerzeugs, das ihr ausgeschürftes Gesicht für ein paar Sekunden erhellte.

Vor ihrer Tür bemerkte sie, dass die Kerle ihren Schlüssel hatten. Sie erinnerte sich genau, wie einer von ihnen ihre Hose in den Händen hielt und zu dem anderen, der ihr Anführer zu sein schien, sagte; "Hey, Pete!" Ja, Pete hieß dieser Widerling, er sagte; "Hey, Pete! Das Mädel ist gerade mal siebzehn, ein echtes Baby, wir sollten die lieber ins Bettchen bringen!" Dabei wirbelte er mit ihrem Schlüssel umher und starrte auf ihren Ausweis. Sie lag dort zwischen den alten Containern und hoffte nur darauf, dass die drei Kerle endlich abhauten.

Die Erinnerung schmerzte und sie wollte nicht weiter daran denken. Sie ließ sich an die Hauswand gelehnt auf den Boden sinken und winkelte die Beine ganz dicht an ihren Körper. Sie fühlte sich so wahnsinnig dreckig und verloren. Sie presste ihr Gesicht auf die Knie und spürte die Tränen auf ihrer Wange.

Sie dachte an das Gefühl, so gedemütigt und bloßgestellt zwischen den Containern zu liegen, und daran, wie die Typen sich stritten wer zuerst "ran durfte".´Sie hatte während des ganzen, schrecklichen Ereignisses nur gedacht "Bald ist es vorbei, bleib ganz ruhig, umso schneller ist es vorbei!" Als sie mit ihr fertig waren, schmissen sie ihre Sachen in die Container und ließen sie einfach liegen. SIe verweilte so ein paar Minuten, vielleicht auch länger, sie wußte es nicht mehr. Dann nahm sie ihren Mantel, der noch dort auf den kalten Boden lag, und zog ihn über. Ja und jetzt - jetzt saß sie hier und wußte nicht mehr weiter.

Ein Scheppern ließ sie aufschrecken und sie erkannte die Umrisse einer Person, die eine Dose über die Straße schoß. Die Person schritt durch den Nebel auf sie zu, und die Konturen ließen sich immer besser erkennen. "Kai" dachte sie, "Das ist Kai!" Kai entdeckte sie erst, als er schon fast an ihr vorbei war. Erschrocken blieb er stehen und starrte eine Weile geschockt in ihre verheulten Augen. Dann ließ er sich auf die Knie fallen und nahm sie in den Arm; "Was ist passiert?!", fragte er mit bebender Stimme, doch sie konnte jetzt nicht reden. Sie klammerte sich an ihn und begann erneut zu weinen.

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